Cannabis und Rassismus in den USA

Cannabis und Rassismus in den USA

Institutionalisierter Rassismus gilt nach wie vor als ein globales Problem. Er endete nicht mit der Abschaffung der Sklaverei oder dem Civil Rights Act von 1964, sondern trägt sich beispielsweise unter dem Deckmantel der US-amerikanischen Drogenpolitik weiter fort.
Im folgenden Blogbeitrag erfährst Du mehr über die Schnittstelle von Cannabis und Rassismus in den USA und die damit zusammenhängende Notwendigkeit, Cannabis zu legalisieren.

JahrEntwicklung
1865
Abschaffung der Sklaverei nach dem US-Amerikanischen Bürgerkrieg
ab 1877 vor allem im Süden “Jim-Crow-Gesetze”, die Trennung von Weißen und Schwarzen vorsehen
1937Verbot von Cannabis
1955Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung
1964offizielle Aufhebung der “Rassentrennung” durch den Civil Rights Act

Anslinger, Jazz und die Prohibition

Seit dem 17. Jahrhundert kommt Cannabis als Nutz- und Konsumpflanze zum Einsatz. Um 1900 gelangt die wundersame Pflanze von Jamaika, Bahamas, Barbados über Mexiko in die USA. Dabei wurde es vor allem von indischen Arbeitskräften sowie von mexikanischen und schwarzen Seeleuten eingeführt. Besondere Erwähnung sollte hier die Stadt New Orleans finden, in der pulsierende Vergnügungsviertel mit Kleinkunst, Bordellen und Street Bands das Stadtbild prägten. Schwarze JazzmusikerInnen sorgten fürs Aufblühen des Genres und eine gestärkte, selbstbewusste, sich der weißen Vorherrschaft widersetzende schwarze Community – und rauchten dabei sichtlich gerne die grüne Knolle. Zu dieser Zeit verschafften sich bereits mehrere schwarze Bürgerrechtsbewegungen mehr und mehr Gehör. Sie forderten die Gleichstellung gegenüber Weißen und ein Ende der Rassentrennung.

Beides stieß auf großen Widerstand unter der weißen Bevölkerung, die das rege Treiben konsequent ablehnten und wilde Drogenorgien in den Bars vermuteten. Harry J. Anslinger, Schlüsselfigur der Cannabis-Prohibition und aus heutiger Perspektive ein waschechter Rassist, das kann man nicht anders sagen, schürte in einer beispiellosen Hetzkampagne das Bild von Schwarzen und Mexikanern, die von Cannabis berauscht weiße Frauen vergewaltigen und bedrohen. Anslinger vermittelte zudem das Bild, weiße Frauen würden durch den Konsum von Cannabis zu Freizügigkeit und Zügellosigkeit angeregt.

Anslingers rassistische Motive und weitere wirtschaftliche Interessen (Kunststoff auf Rohölbasis, Papier auf Holzbasis) ließen ihn rund 30 Jahre lang jede Maßnahme ergreifen, um Hanf verschwinden zu lassen.1937 wurde der Cannabisbesitz durch sein unermüdliches Zutun schließlich offiziell verboten. Auf medizinisches Cannabis wurde zusätzlich eine Steuer erhoben, ehe es 1942 ebenfalls verboten wurde. 1947 wurde Anslinger Vorsitzender der UN-Drogenkommission, setzte ein weltweites Cannabisverbot durch (Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel 1961) und besiegelte so das “Ende” der vielversprechenden Nutzpflanze.

Nixon und der War on Drugs

Der US-amerikanische “War on Drugs”, ausgerufen im Jahr 1972 von Präsident Richard Nixon, nahm in den darauffolgenden Jahrzehnten heftige Ausmaße an. Bis heute steckte kein anderes Land der Welt seine Bevölkerung, und dabei vorrangig PoC (People of Color), in einer solchen Dimension auf der Grundlage von Drogengesetzen in Gefängnisse. Die Abhängigkeit von Drogen wurde zu einem Kriminalitätsproblem deklariert, statt es als ein gesundheitliches Problem zu betrachten.

Nixons Administration erklärte Marihuana zur “Schedule 1 Drug”, setzte es damit auf eine Ebene mit Heroin und gründete 1973 die “Drug Enforcement Agency”. Selbst der Besitz kleinster Mengen Marihuana konnte nun zu einer Haftstrafe führen. “Law and Order” wurde zur Prämisse der US-Amerikanischen Innenpolitik. Sie führte implizit zu einer Kriminalisierung der afroamerikanischen Bevölkerung.

Als sich die Industrie in den 1960er Jahren aus den Städten zurückzog und insbesondere den ärmeren Communities die Existenzgrundlage entzog, kann aus heutiger Perspektive ein rasanter Anstieg des Drogenhandels verzeichnet werden. Unter den (vorrangig weißen) “Hippies” boomte der Konsum von Cannabis und es fand sich für eine Vielzahl an AfroamerikanerInnen eine neue Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

„Die Nixon-Kampagne 1968 und die folgende Regierung hatten zwei Feinde: Die linken Kriegsgegner und die Schwarzen. Verstehen sie, was ich damit sagen will? Wir wussten, dass wir es nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber dadurch, dass wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und die Schwarzen mit Heroin zu assoziieren und beides heftig bestraften, konnten wir diese Gruppen diskreditieren. Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Versammlungen beenden und sie so Abend für Abend in den Nachrichten verunglimpfen. Wussten wir, dass wir über die Drogen gelogen haben? Natürlich wussten wir das!“ John Ehrlichman, ehemaliger Polizeichef unter Nixon

1980 saßen rund 200.000 US-AmerikanerInnen mehr im Gefängnis als noch 1970.

Reagan und das Problem der ökonomischen Ungleichheit

Nach Gerald Ford und Jimmy Carter trieb US-Präsident Ronald Reagan den War on Drugs ab 1981 weiter voran. Durch eine misslungene Wirtschafts- und Sozialpolitik öffnete sich gleichzeitig unter seiner Administration die Schere zwischen armen und reichen US-BürgerInnen in erheblichem Maße. Immer mehr von ihnen lebten an der Armutsgrenze. 1986 verabschiedete Ronald Reagans Administration den “Anti-Drug Abuse Act”, der dafür sorgte, dass 1,7 Milliarden US-Dollar für den War on Drugs bereitgestellt werden konnten und gleichzeitig 29 weitere Strafsätze bei Drogenmissbrauch festgesetzt wurden. Etwa zur selben Zeit flutete das sogenannte “Crack Cocaine” den Markt. Es ist dem damals extrem beliebten Kokain sehr ähnlich. Nur während das pulvrige Kokain als elegant und kultiviert galt, wurde Crack mit den Verlierern der von Reagan manifestierten freien Marktwirtschaft und den Erbenden kolonialer Verbrechen in den USA – den AfroamerikanerInnen und Latinxs – assoziiert.

Im Zuge dessen füllten sich US-Amerikanische Gefängnisse, in erster Linie mit PoCs. Sie sind zu diesem Zeitpunkt Zielscheibe der exekutiven Kräfte, werden für den Besitz von Marihuana mit einer viermal höheren Wahrscheinlichkeit festgenommen als weiße Personen und erfahren im Schnitt eine 20-40% längere Haftstrafe. Dabei konsumieren Weiße und PoCs in den USA zu etwa gleichen Teilen Marihuana.


Von 1980 bis 1985 vermehrte sich die Zahl der GefängnisinsassInnen von 513.000 auf 759.000. Ausgehend von dem durch politische Kampagnen gezeichneten Bild der “kriminellen Schwarzen” verfestigte sich dieses Stigma im Laufe der 1980er Jahre durch von Fernseh- und Zeitungsmedien initiierten Hetzkampagnen. Personen wie Donald Trump bezahlten sogar dafür. Die Kriminalfälle der häufig zu Unrecht festgenommen jungen schwarzen Menschen wurden demnach überdurchschnittlich häufig medial auseinandergenommen und mit einer diffamierenden Sprache versehen.
Das Narrativ verlagerte sich Stück für Stück vom “mit Drogen dealenden Schwarzen” zum “gewalttätigen Schwarzen”. Die Zahl der Inhaftierten stieg bis 1990 erneut rasant auf 1.179.000.

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Cannabis und Rassismus: unbegründete Gefängnisurteile auf Grund von Äußerlichkeiten

Clinton und die Infrastruktur des Gefängnissystems

Unter dem demokratischen US-Präsident Bill Clinton kam es anschließend zum kalifornischen “Three Strikes and your Out”-Gesetz, das besagt, wer drei mal straffällig wird, den erwartet eine Haftstrafe von 25 Jahren. Dieses Gesetz überforderte das Justizsystem der USA, besonders in Kalifornien, massiv. Hinzu kommt das sogenannte “mandatory sentencing”-Prinzip, welches besagt, dass die Menge einer Droge, die bei einer Person beschlagnahmt wird, keine Rolle spielt. Der Besitz von einem Gramm oder fünf Gramm Marihuana wird ab diesem Zeitpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer ähnlichen Haftstrafe führen. Die 1994 erlassene “Federal Crime Bill” gab dem brüchigen US-Justiz-System den Rest, indem es 100.000 neue Polizeikräfte und 9,7 Mrd. US-Dollar für Gefängnisse bereitstellte und somit zur totalen Militarisierung selbst ländlicher Police Departments in den USA führte.

Die Masseninhaftierung, deren Grundstein durch die Prohibition von Cannabis gelegt wurde, führte zu 2.015.000 Inhaftierten US-AmerikanerInnen bis zum Jahr 2000, davon rund 878.400 afroamerikanische Männer, die jedoch nur ca. 6,5% der EinwohnerInnen der USA ausmachen.
Heute liegt die Wahrscheinlichkeit für einen weißen US-Amerikaner, in seinem Leben eine Haftstrafe zu verbüßen bei 1:17; bei schwarzen US-Amerikanern hingegen bei 1:3.
Noch heute kostet der War on Drugs die USA jährlich rund 51 Milliarden US-Dollar.
Die USA stellen 5% der Weltbevölkerung, aber 25% aller Häftlinge der Welt. 40% aller Häftlinge in den USA sind afroamerikanische Männer. Ein Drittel aller Häftlinge sind dort wegen Drogendelikten verurteilt.
Ob Nixon, Reagan oder Clinton. Sie alle führten den Kampf gegen die Drogen mutmaßlich als Vorwand, um die schwarze Bevölkerung systematisch zu unterdrücken.

Doch seit neuestem zeichnet sich eine Trendwende ab: Geschäftstüchtige wittern durch und rund um Cannabis das große Geld. Die Marihuana-Industrie in den USA gilt heute als milliardenschwer. Zehn Staaten erlauben “recreational use” und 33 Staaten haben den medizinischen Gebrauch von Hanf zugelassen. Gleichzeitig ist der illegale Erwerb, Gebrauch und Handel von Cannabis seit Start des “War on Drugs” um etwa 300% gestiegen. Die Zahlen verdeutlichen die Sinnlosigkeit des Kampfes gegen die Hanfpflanze und signalisieren, dass eine Entkriminalisierung von Cannabis unausweislich ist.

Legalisierung von Cannabis USA
Legalisierung von Cannabis USA, Stand: 05.04.2019, Quelle: National Congress of State Legislature

Das Verbot schreckt nicht davor ab, Cannabisprodukte zu besitzen oder zu konsumieren. Es hält Menschen nicht davon ab, ihre Existenz mit dem Handel zu sichern. Die Tabuisierung erschwert einen offenen Diskurs, den Schutz der VerbraucherInnen und eine soziale Auseinandersetzung mit diesen.


Die Fehler der US-amerikanischen Drogenpolitik sind nicht rückgängig zu machen und werden als ein weiteres Armutszeugnis der Unmenschlichkeit in die Geschichte eingehen.
Es liegt an uns, diese Fehler anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht wiederholen. Mit Hilfe von Verstand und Wissenschaft ist es uns heute möglich und nötig, einen neuen Umgang mit Cannabis zu finden und zu etablieren. Es ist an der Zeit, das beste aus Cannabis herauszuholen und es von seinem künstlich aufgezwungenen Stigma zu befreien.

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